Der Schriftsteller Ernst Jünger hat einmal geschrieben "Das Gebet bestätigt die Ordnung der Welt". Er war kein Beter, aber er hat etwas beschrieben, was auch bei Benedikt eine große Rolle spielt: das Gebet als hinhörende Gewöhnung an eine andere, eine größere gedankliche Dimension.
Zwar spielt auch bei Benedikt das Fürbittengebet aus der Sorge und der Anstrengung des Alltags heraus eine wichtige Rolle, ebenso wie das Danken und Loben nach erfahrener Hilfe, aber ihm ist doch wichtig, daß der Beter in einem weiteren Sinne betet und dabei Gedanken zu verstehen lernt, in welche er ohne das Gebet nie Einsicht erhielte.
Dieses Lernen, das in der evangelischem Tradition, aus der ich komme, vielleicht mehr über das Lesen der Bibel und das Hören auf eine Predigt erwächst als aus dem Gebet, geschieht für Benedikt auf das Ziel hin, daß "die Beziehung zu Gott auf dem Grund unserer Seele anwesend ist." (Seite 163)
"Damit das geschieht, muss diese Beziehung immer neu wachgerufen werden und müssen die Dinge des Alltags immer wieder auf sie zurückbezogen werden. Wir werden um so besser beten, je mehr in der Tiefe unserer Seele die Ausrichtung auf Gott da ist. Je mehr sie der tragende Grund unserer ganzen Existenz wird, desto mehr werden wir Menschen des Friedens sein. Desto mehr können wir den Schmerz tragen, desto mehr die anderen verstehen und uns ihnen öffnen. Diese unser ganzes Bewusstsein durchprägende Orientierung, das stille Anwesendsein Gottes auf dem Grund unseres Denkens, Sinnen und Seins, nennen wir das 'immerwährende Gebet'".(Seite 163)
Vor dem Hintergrund dieses immerwährenden Gebetes geht Benedikt auf die einzelnen Bitten des Vaterunser ein und zeigt in vielfältiger Weise, wie man betet und erkennt, erkennt und betet.
Daß unser Gebet auch ein "Mutterunser" sein könnte, für diese Gedanken hat er durchaus Verständnis und fügt einen schönen Abschnitt über die mütterlichen Seiten Gottes ein, übrigens ohne Erwähnung der Maria, die überhaupt im ganzen Buch, blättert man anhand des Registers vor, nicht prominent vorkommt.
Am Ende macht es aber dann doch ganz klar, daß "Mutter" kein Gottestitel sein kann. "Wir bitten, wie Jesus auf dem Hintergrund der Heiligen Schrift uns zu beten gelehrt hat, nicht wie es uns selber einfällt oder gefällt." (Seite 174)
Freitag, 4. Mai 2007
Donnerstag, 3. Mai 2007
Ordnender Verstand (Kapitel 5)
So wie Benedikt am Anfang des fünften Kapitels, welches vom Vaterunser handelt, die Botschaft der Bergpredigt mit wenigen Sätzen zusammenfaßt und damit zugleich in das Gebet Jesu einführt, kann es nur einer tun, der sich sehr lange mit der Botschaft der Bibel beschäftigt hat und das große Ordnungssystem, das darin herrscht, verstanden hat.
Ich wage die Behauptung, daß der ordnende Verstand des Papstes und das daraus erwachsene Buch über Jesus einen nicht sehr weit entfernten Verwandten haben in dem ordnenden Verstand eines anderen Autors, der im Jahre 2002 ebenfalls ein Buch über den Glauben herausgebracht hat, das weltweit gelesen wird: der Amerikaner Rick Warren und sein "The Purpose Driven Life". Beiden Männern ist gemeinsam, daß sie mit enormem Fleiß tausende von Bibelstellen ausgewertet, teilweise mit eigenen Worten neu übersetzt und in ein eigenes Ordnungssystem gebracht haben, das in beiden Büchern durch einen großen inneren Zusammenhalt überzeugt.
Beide bringen ihre Überzeugung auf den gemeinsamen Punkt: man kann sein Leben nicht verstehen, wenn man es nicht von Gott her betrachtet.
Benedikt: "Der Mensch ist nur von Gott her zu verstehen, und nur wenn er in der Beziehung zu Gott lebt, wird sein Leben recht. " (Seite 162).
Warren: "If you want to know why you were placed on this earth you must begin with God." "You discover your identity and purpose through a relationship with Jesus Christ." (The Purpose Driven Life, Seiten 17 und 20)
Die beiden Textstellen zeigen sehr deutlich, in welche unterschiedliche Richtungen die beiden Autoren gehen, Benedikt ein wenig aus der europäischen Denkweise kommend und von daher vielleicht sogar ein wenig altmodisch ("wird sein Leben recht"), Warren dagegen amerikanisch-praktisch und ein wenig plakativ ("discover your identity and purpose"). Aber indem sie sich am Ende doch in derselben Aussage treffen und indem ihre beiden Bücher in Millionenauflagen in die Welt gehen, wächst die große gemeinsame Hoffnung, daß die Welt die doppelte Botschaft hört und das tut, wozu sie von Propheten wie Ratzinger und Warren zu allen Zeiten aufgefordert wurde: zu Gott zurückzukehren.
Ich wage die Behauptung, daß der ordnende Verstand des Papstes und das daraus erwachsene Buch über Jesus einen nicht sehr weit entfernten Verwandten haben in dem ordnenden Verstand eines anderen Autors, der im Jahre 2002 ebenfalls ein Buch über den Glauben herausgebracht hat, das weltweit gelesen wird: der Amerikaner Rick Warren und sein "The Purpose Driven Life". Beiden Männern ist gemeinsam, daß sie mit enormem Fleiß tausende von Bibelstellen ausgewertet, teilweise mit eigenen Worten neu übersetzt und in ein eigenes Ordnungssystem gebracht haben, das in beiden Büchern durch einen großen inneren Zusammenhalt überzeugt.
Beide bringen ihre Überzeugung auf den gemeinsamen Punkt: man kann sein Leben nicht verstehen, wenn man es nicht von Gott her betrachtet.
Benedikt: "Der Mensch ist nur von Gott her zu verstehen, und nur wenn er in der Beziehung zu Gott lebt, wird sein Leben recht. " (Seite 162).
Warren: "If you want to know why you were placed on this earth you must begin with God." "You discover your identity and purpose through a relationship with Jesus Christ." (The Purpose Driven Life, Seiten 17 und 20)
Die beiden Textstellen zeigen sehr deutlich, in welche unterschiedliche Richtungen die beiden Autoren gehen, Benedikt ein wenig aus der europäischen Denkweise kommend und von daher vielleicht sogar ein wenig altmodisch ("wird sein Leben recht"), Warren dagegen amerikanisch-praktisch und ein wenig plakativ ("discover your identity and purpose"). Aber indem sie sich am Ende doch in derselben Aussage treffen und indem ihre beiden Bücher in Millionenauflagen in die Welt gehen, wächst die große gemeinsame Hoffnung, daß die Welt die doppelte Botschaft hört und das tut, wozu sie von Propheten wie Ratzinger und Warren zu allen Zeiten aufgefordert wurde: zu Gott zurückzukehren.
Mittwoch, 2. Mai 2007
Gespräch mit einem Rabbi (Kapitel 4.2)
Im zweiten Teil seiner Betrachtungen zur Bergpredigt geht Benedikt ausführlich auf das 1993 erschienene Buch "A Rabbi Talks With Jesus", des amerikanischen Rabbiners Jacob Neusner ein. Neusner hat seine Fragen an die Lehren der Bergpredigt in einer Form gestellt, die einerseits sehr radikal ist (und am Ende den Anspruch Jesu ablehnt), auf der anderen Seite aber eine große und einsichtsvolle Nähe zu Jesus offenbart.
Benedikt schildert ausführlich die Kritik Neusners an der Auflösung sowohl des Sabbats als auch der familiären Bande, die Jesus offenkundig zusammen mit seinen Jüngern betreibt. Er ist sich am Ende mit Neusner einig, daß Jesus eine Autorität beansprucht, die ihn auf gleiche Höhe mit Gott stellt. Beide stehen sie schließlich vor der offenen Frage, ob Jesus diese Autorität wirklich besitzt. Neusner verneint die Frage, Benedikt bejaht sie.
Gemeinsam ist beiden die Überzeugung, daß die Menschen, die dem irdischen, dem "historischen" Jesus begegnet sind, mit derselben Frage nach Jesu göttlicher Autorität konfrontiert worden sind. Damit wird der alten, die liberalen Anschauung widersprochen, daß Jesus ein wandernder Rabbi unter vielen anderen gewesen ist, der erst nach seinem Tod durch die Interpretationen seiner Nachfolger die Bedeutung erlangen konnte, die er heute hat. Nein, Jesus muß von Anfang an radikalen Widerspruch herausgefordert haben - oder aber die mit Erschrecken gepaarte Erkenntnis, daß hier jemand tatsächlich mit einer höheren, einer göttlichen Autorität spricht.
Im Zusammenhang mit den Gesetzen der alten Tora und der neuen, die Jesus in seiner Person verkörpert, gibt Benedikt eine Reihe von sehr erhellenden Erklärungen zum Verständnis alter und neuer Gesetze und zum Unterschied zwischen zeitlich bedingten ("kasuistischen") und ewig gültigen ("apodiktischen") Gesetzen. Er zeigt am Ende einen Weg auf, wie eine im Glauben an die Göttlichkeit Jesu befreite universale Christenheit in die Lage versetzt wird, ihre Gesetze selbst zu schreiben.
Sie wird es tun in der Achtung vor den alten Prinzipien der Israel gegebenen Tora, die man mit den Worten Benedikts zwar nicht "übertreten" darf, wohl aber "überschreiten" kann.
Benedikt schildert ausführlich die Kritik Neusners an der Auflösung sowohl des Sabbats als auch der familiären Bande, die Jesus offenkundig zusammen mit seinen Jüngern betreibt. Er ist sich am Ende mit Neusner einig, daß Jesus eine Autorität beansprucht, die ihn auf gleiche Höhe mit Gott stellt. Beide stehen sie schließlich vor der offenen Frage, ob Jesus diese Autorität wirklich besitzt. Neusner verneint die Frage, Benedikt bejaht sie.
Gemeinsam ist beiden die Überzeugung, daß die Menschen, die dem irdischen, dem "historischen" Jesus begegnet sind, mit derselben Frage nach Jesu göttlicher Autorität konfrontiert worden sind. Damit wird der alten, die liberalen Anschauung widersprochen, daß Jesus ein wandernder Rabbi unter vielen anderen gewesen ist, der erst nach seinem Tod durch die Interpretationen seiner Nachfolger die Bedeutung erlangen konnte, die er heute hat. Nein, Jesus muß von Anfang an radikalen Widerspruch herausgefordert haben - oder aber die mit Erschrecken gepaarte Erkenntnis, daß hier jemand tatsächlich mit einer höheren, einer göttlichen Autorität spricht.
Im Zusammenhang mit den Gesetzen der alten Tora und der neuen, die Jesus in seiner Person verkörpert, gibt Benedikt eine Reihe von sehr erhellenden Erklärungen zum Verständnis alter und neuer Gesetze und zum Unterschied zwischen zeitlich bedingten ("kasuistischen") und ewig gültigen ("apodiktischen") Gesetzen. Er zeigt am Ende einen Weg auf, wie eine im Glauben an die Göttlichkeit Jesu befreite universale Christenheit in die Lage versetzt wird, ihre Gesetze selbst zu schreiben.
Sie wird es tun in der Achtung vor den alten Prinzipien der Israel gegebenen Tora, die man mit den Worten Benedikts zwar nicht "übertreten" darf, wohl aber "überschreiten" kann.
Dienstag, 1. Mai 2007
Die Sanftmütigen (anawim ענוים, Kapitel 4.1.)
In der dritten Seligpreisung, in welcher Jesus den Sanftmütigen, den praeis, πραεις, verspricht, "sie werden das Erdreich besitzen" gibt es eine wichtige Brücke hinüber ins Alte Testament. Jesus zitiert hier ganz wörtlich eine Stelle aus Psalm 37,11. Benedikt nutzt die sprachliche Brücke vom Griechischen ins Hebräische um einen weiten Bogen zu schlagen, der fast das ganze Alte Testament umfaßt.
Das im Psalm gebrauchte hebräische Wort anawim, ענוים, hat eine Bedeutung, die weit über "Sanftmütige" hinausgeht. Mein hebräisches Lexikon (Gesenius) führt es auf den Stamm anah , ענה, zurück, was "niedergedrückt sein" oder "gebeugt sein" bedeuten kann, oder auch "leiden". Die anawim lassen den Willen eines Anderen über sich gelten, gezwungenermaßen in den meisten Fällen, muß man vermuten, und unter Schmerzen.
Auch Mose war ein solcher gebeugter, sanftmütiger Mann. Das mag den verwundern, der von Mose als von einem aufbrausenden Choleriker gehört hat. Die Bibel charakterisiert ihn an einer prominenten Stelle auf ganz andere Weise. Benedikt, der nicht müde wird, auf die Parallelen zwischen Mose und Jesus hinzuweisen, entnimmt dieser Geschichte, in der sich die Verwandten von Mose, sein Bruder Aaron und seine Schwester Mirjam, gegen seine Führung auflehnen, die Aussage, daß Mose "ein überaus sanftmütiger Mann" war, "sanftmütiger (milder) als alle Menschen auf der Erde" (4. Mose 12, im Buch zitiert auf Seite 110).
Von Mose schlägt Benedikt einen Bogen zur Prophezeiung des endzeitlichen Königs im Buch des Propheten Sacharja (dort im Kapitel 9,9). Von diesem König wird gesagt, er ist "sanftmütig und reitet auf einem Esel", also auf dem Reittier der armen Leute. Dieser König betritt nun, sagt Benedikt, in der Gestalt Jesu die Erde. Und Jesus sagt im Bewußtsein, dieser König zu sein, konsequenterweise von sich selbst "nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen" (Matt. 11,29). Seine demütige Grundeinstellung ist ein königliches Attribut, ein äußeres Kennzeichen des Friedensfürsten, welcher der ganzen Welt "von Meer zu Meer" Frieden schenken wird.
Die Stärke dieses Buches sind die großen Bögen, die Benedikt in der Verfolgung eines einzigen Begriffes, eines einzigen Gedankens durch die ganze Bibel hindurch schlagen kann. Wenn man die langen Wege mitgeht, die Benedikt zurücklegt, hier etwa entlang der Worte πραεις und ענוים, gerät man am Ende fast wie von selbst in den Bann seiner Gedanken und wird bereit, seiner Schlußfolgerung zuzustimmen: in Jesus begegnet uns Gott.
Das im Psalm gebrauchte hebräische Wort anawim, ענוים, hat eine Bedeutung, die weit über "Sanftmütige" hinausgeht. Mein hebräisches Lexikon (Gesenius) führt es auf den Stamm anah , ענה, zurück, was "niedergedrückt sein" oder "gebeugt sein" bedeuten kann, oder auch "leiden". Die anawim lassen den Willen eines Anderen über sich gelten, gezwungenermaßen in den meisten Fällen, muß man vermuten, und unter Schmerzen.
Auch Mose war ein solcher gebeugter, sanftmütiger Mann. Das mag den verwundern, der von Mose als von einem aufbrausenden Choleriker gehört hat. Die Bibel charakterisiert ihn an einer prominenten Stelle auf ganz andere Weise. Benedikt, der nicht müde wird, auf die Parallelen zwischen Mose und Jesus hinzuweisen, entnimmt dieser Geschichte, in der sich die Verwandten von Mose, sein Bruder Aaron und seine Schwester Mirjam, gegen seine Führung auflehnen, die Aussage, daß Mose "ein überaus sanftmütiger Mann" war, "sanftmütiger (milder) als alle Menschen auf der Erde" (4. Mose 12, im Buch zitiert auf Seite 110).
Von Mose schlägt Benedikt einen Bogen zur Prophezeiung des endzeitlichen Königs im Buch des Propheten Sacharja (dort im Kapitel 9,9). Von diesem König wird gesagt, er ist "sanftmütig und reitet auf einem Esel", also auf dem Reittier der armen Leute. Dieser König betritt nun, sagt Benedikt, in der Gestalt Jesu die Erde. Und Jesus sagt im Bewußtsein, dieser König zu sein, konsequenterweise von sich selbst "nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen" (Matt. 11,29). Seine demütige Grundeinstellung ist ein königliches Attribut, ein äußeres Kennzeichen des Friedensfürsten, welcher der ganzen Welt "von Meer zu Meer" Frieden schenken wird.
Die Stärke dieses Buches sind die großen Bögen, die Benedikt in der Verfolgung eines einzigen Begriffes, eines einzigen Gedankens durch die ganze Bibel hindurch schlagen kann. Wenn man die langen Wege mitgeht, die Benedikt zurücklegt, hier etwa entlang der Worte πραεις und ענוים, gerät man am Ende fast wie von selbst in den Bann seiner Gedanken und wird bereit, seiner Schlußfolgerung zuzustimmen: in Jesus begegnet uns Gott.
Montag, 30. April 2007
Eine Rede ex cathedra (Kapitel 4)
Im vierten Kapitel geht es um die Bergpredigt. Sie ist von der historischen Kritik einstimmig als eine Nicht-Predigt angesehen worden, als später redaktionell zusammengefügte Sammlung gängiger Jesusworte. Man konnte sich nicht ernsthaft vorstellen, daß jemand dem einfachen Volk eine so dichte Abfolge von großen und erhabenen Aussagen in einer einzigen Rede vorgelegt haben sollte. Ich sage ganz offen, daß ich es mir ebenfalls bisher nicht vorstellen konnte, auch nach einer Wanderung von Kapernaum zum "Berg der Seligpreisungen" hinauf nicht.
Benedikt geht auf diese Kritik nicht ein, in diesem Kapitel jedenfalls nicht, sondern stellt Jesus ganz unbefangen dem Gesetzesgeber Mose gegenüber, der ebenfalls vom heiligen Berge, dem Sinai, herunter dem Volk den Willen Gottes vorlegt. Der Berg der Seligpreisungen am See Genezareth ist ein Hügel, nicht hoch und steil wie der Sinai, aber er ist ebenso ein Berg wie dieser, und seine angenehme Lage mitten in einer schönen Natur und mit weitem Blick auf den See sagt indirekt schon etwas darüber aus, welche neue Botschaft Gott jetzt für die Menschen hat.
Jesus redet für Benedikt auf diesem Berg ex cathadra, das ist der letzte Grund für die äußere und innere Form seiner Rede. Vielleicht braucht es einen Papst als Bibelausleger, um eine solche Vorstellung zu entwickeln. Nur wer selbst ein vergleichbares Amt wie Jesus bekleiden darf, kann ihn von innen heraus verstehen. Norman Mailer hat das mit einem ähnlichen, bei ihm allerdings vermessen klingenden Gedanken gesagt. Auch Mailer hatte ja vor etwa zehn Jahren ein Jesus-Buch geschrieben und dazu erklärt, er selbst kenne das Gefühl sehr gut, etwas Größeres in sich zu tragen, weshalb es ihm leicht gefallen sei, über Jesus zu schreiben. Auch für Jesus sei eben charakteristisch, daß er etwas Größeres in sich trage.
Der Heidelberger Theologe Klaus Berger, dessen Jesus-Buch Benedikt im Anhang als wichtige Literatur aufführt, ist bekannt für seine kritische Theorie der Bibelauslegung. Er lehrt, daß die Frage, ob eine bestimmte biblische Schilderung historischer Ereignisse tatsächlich wahr ist oder durch die "Redaktion" späterer Schreiber verfälscht wurde, meist sehr wenig über die tatsächlichen Ereignisse herausbekommt, aber immer sehr viel über den Charakter dessen, der sie beantwortet. Der moderne Mensch an seinem mit Zetteln übersäten Schreibtisch vermutet überall Redaktion, weil sein eigenes Leben das Leben eines Redakteurs ist. Das führt am Ende zu einer manchmal sehr verengten Betrachtung der Bibel.
Vielleicht braucht es tatsächlich einen Papst, um uns in die Weite neuer und besserer Gedanken zu führen.
Benedikt geht auf diese Kritik nicht ein, in diesem Kapitel jedenfalls nicht, sondern stellt Jesus ganz unbefangen dem Gesetzesgeber Mose gegenüber, der ebenfalls vom heiligen Berge, dem Sinai, herunter dem Volk den Willen Gottes vorlegt. Der Berg der Seligpreisungen am See Genezareth ist ein Hügel, nicht hoch und steil wie der Sinai, aber er ist ebenso ein Berg wie dieser, und seine angenehme Lage mitten in einer schönen Natur und mit weitem Blick auf den See sagt indirekt schon etwas darüber aus, welche neue Botschaft Gott jetzt für die Menschen hat.
Jesus redet für Benedikt auf diesem Berg ex cathadra, das ist der letzte Grund für die äußere und innere Form seiner Rede. Vielleicht braucht es einen Papst als Bibelausleger, um eine solche Vorstellung zu entwickeln. Nur wer selbst ein vergleichbares Amt wie Jesus bekleiden darf, kann ihn von innen heraus verstehen. Norman Mailer hat das mit einem ähnlichen, bei ihm allerdings vermessen klingenden Gedanken gesagt. Auch Mailer hatte ja vor etwa zehn Jahren ein Jesus-Buch geschrieben und dazu erklärt, er selbst kenne das Gefühl sehr gut, etwas Größeres in sich zu tragen, weshalb es ihm leicht gefallen sei, über Jesus zu schreiben. Auch für Jesus sei eben charakteristisch, daß er etwas Größeres in sich trage.
Der Heidelberger Theologe Klaus Berger, dessen Jesus-Buch Benedikt im Anhang als wichtige Literatur aufführt, ist bekannt für seine kritische Theorie der Bibelauslegung. Er lehrt, daß die Frage, ob eine bestimmte biblische Schilderung historischer Ereignisse tatsächlich wahr ist oder durch die "Redaktion" späterer Schreiber verfälscht wurde, meist sehr wenig über die tatsächlichen Ereignisse herausbekommt, aber immer sehr viel über den Charakter dessen, der sie beantwortet. Der moderne Mensch an seinem mit Zetteln übersäten Schreibtisch vermutet überall Redaktion, weil sein eigenes Leben das Leben eines Redakteurs ist. Das führt am Ende zu einer manchmal sehr verengten Betrachtung der Bibel.
Vielleicht braucht es tatsächlich einen Papst, um uns in die Weite neuer und besserer Gedanken zu führen.
Sonntag, 29. April 2007
Von Origines bis Moltmann (Kapitel 3)
Für Benedikt ist die Geschichte der Bibelauslegung eine lange Kette von menschlichen Bemühungen, von richtigen und falschen Wegen und offenen oder eingeschränkten Einsichten. In dieser Geschichte der Erfahrungen mit der Bibel können es durchaus die Irrtümer sein, welche den Fortschritt der Erkenntnis vorantreiben, deshalb geht Benedikt immer wieder sanft und verständnisvoll mit irrenden Kollegen um. Nein, einen Hardliner sieht man hier nicht am Werk, dazu fehlt ihm das schroffe Urteil über Menschen, die anderes denken als er.
Im dritten Kapitel geht es um die basileia, die Königsherrschaft Gottes, das Reich Gottes, wie es meistens übersetzt wird. Die Botschaft, daß das Reich Gottes "nahe herbei gekommen" ist, steht am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu und später dann in der Mitte seiner Verkündigung. Benedikt machte es sich nicht leicht mit der Antwort auf die Frage, was dieses Reich Gottes bedeutet. Auf 15 der insgesamt 17 Seiten dieses Kapitels referiert und diskutiert er Lösungsansätze von Origines bis Moltmann, um erst dann, ganz am Ende zu der Lösung zu kommen die er selbst vorschlägt: das Reich Gottes ist Jesus selbst.
So, wie Benedikt das sagt, schließt seine Lösung allerdings die anderen Lösungen in gewisser Weise mit ein. Die Ideengeschichte des Christentums gibt Zeugnis vom inneren Reichtum der Menschen, die über Jesus nachgedacht haben. Sie alle gehören zum großen Schiff der Kirche, das sich durch die Zeiten bewegt und am Ende seinen Zielhafen erreichen wird.
Der evangelische Leser geht mit etwas Beklommenheit durch die gedanklichen Türen, die Benedikt ihm öffnet. Hat uns Martin Luther nicht gelehrt, uns ganz allein auf die Schrift, sola scriptura, zu gründen und die kirchlichen Traditionen mit ihren möglichen Irrtümern außer Betracht zu lassen? Ich will diese Frage nicht vorschnell beantworten, sondern sie mir beim Lesen immer wieder einmal stellen. Aber schon jetzt ist klar, daß zu Zeiten Luthers diese Tradition offenbar eher als ein Herrschaftsinstrument verstanden wurde. Bei Benedikt hat sie eine völlig andere, eine dienende Funktion. Das führt Benedikts Betrachtungsweise mit einer gewissen Mühelosigkeit ein großes Stück über Luther hinaus.
Im dritten Kapitel geht es um die basileia, die Königsherrschaft Gottes, das Reich Gottes, wie es meistens übersetzt wird. Die Botschaft, daß das Reich Gottes "nahe herbei gekommen" ist, steht am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu und später dann in der Mitte seiner Verkündigung. Benedikt machte es sich nicht leicht mit der Antwort auf die Frage, was dieses Reich Gottes bedeutet. Auf 15 der insgesamt 17 Seiten dieses Kapitels referiert und diskutiert er Lösungsansätze von Origines bis Moltmann, um erst dann, ganz am Ende zu der Lösung zu kommen die er selbst vorschlägt: das Reich Gottes ist Jesus selbst.
So, wie Benedikt das sagt, schließt seine Lösung allerdings die anderen Lösungen in gewisser Weise mit ein. Die Ideengeschichte des Christentums gibt Zeugnis vom inneren Reichtum der Menschen, die über Jesus nachgedacht haben. Sie alle gehören zum großen Schiff der Kirche, das sich durch die Zeiten bewegt und am Ende seinen Zielhafen erreichen wird.
Der evangelische Leser geht mit etwas Beklommenheit durch die gedanklichen Türen, die Benedikt ihm öffnet. Hat uns Martin Luther nicht gelehrt, uns ganz allein auf die Schrift, sola scriptura, zu gründen und die kirchlichen Traditionen mit ihren möglichen Irrtümern außer Betracht zu lassen? Ich will diese Frage nicht vorschnell beantworten, sondern sie mir beim Lesen immer wieder einmal stellen. Aber schon jetzt ist klar, daß zu Zeiten Luthers diese Tradition offenbar eher als ein Herrschaftsinstrument verstanden wurde. Bei Benedikt hat sie eine völlig andere, eine dienende Funktion. Das führt Benedikts Betrachtungsweise mit einer gewissen Mühelosigkeit ein großes Stück über Luther hinaus.
Samstag, 28. April 2007
Der Teufel an der Uni Tübingen (Kapitel 2)
Das Register hinten im Buch liest sich wie ein "Who Is Who" der neuzeitlichen Jesusforschung. Mit den von Benedikt herangezogenen und zitierten Professoren Gese, Hengel, Moltmann und Stuhlmacher stellt die Universität Tübingen darin eine recht ansehnliche Gruppe*. Ich habe ein bißchen vorausgeblättert und erwartungsgemäß gefunden, daß auch bis auf Moltmann alle eine lobende Erwähnung bekommen. In jedem Fall haben alle vier genannten, Moltmann eingeschlossen, entlang des Weges, auf dem Benedikt für dieses Buch "lange unterwegs" war, offenbar wichtige Stationen gebildet.
Wenn er in seinem zweiten Kapitel, in dem es um die Versuchung Jesu durch den Teufel geht, eine Geschichte des Russen Solowjew erzählt (Seite 64), in welcher der Antichrist einen Ehrendoktortitel der Universität Tübingen bekommt, dann denkt man natürlich an die Zeit, die Benedikt als Professor Ratzinger in Tübingen verbracht hat. Er ist damals von den aufsässigen Studenten** verschreckt worden und dann 1969 von Tübingen aus nach Regensburg gegangen.
Seiner friedlichen und zunächst einmal alles positiv aufnehmenden Art entsprechend ist bei ihm die Erwähnung des Antichristen nicht der Anlaß für eine scharfe Abgrenzung gegen alles allzu Progressive und Aufgeklärte. Im Gegenteil, er benutzt die Geschichte Solowjews als eine Illustration für die Gefahr, in der jeder steht, der sich mit der Auslegung der Bibel beschäftigt.
Die Versuchung Jesu durch den Teufel in der Wüste legt Benedikt so aus, daß dadurch die Andersartigkeit Jesu gegenüber den gängigen Vorstellungen von einer messianischen Gestalt, damals wie heute, verdeutlicht wird. Ohne das Wort zu benutzen, rührt er an die Frage der Theodizee und räumt offen ein, wie verständlich es ist, daß die Menschen einen Brotkönig in Jesus erwarten, der den Hunger in der Welt stillt.
Am Ende stellt er die Frage, was Jesus der Welt im Sinne eines Vorteils "gebracht" hat. Und er antwortet schlicht: er hat uns Gott gebracht.
* Mich persönlich berührt, daß ich durch eine Reihe von glücklichen Zufällen die von Benedikt zitierten Tübinger Professoren bis auf Stuhlmacher alle in Tübingen gesehen und reden gehört habe. Ich habe 1969 und 1970 in Tübingen Betriebswirtschaft studiert und bin immer wieder einmal in die Vorlesungen der Theologen gegangen. Den Professor Hartmut Gese, laut seinem Kollegen Eberhard Jüngel der "klügste Mann an der Tübinger Universität ", habe ich sogar bei zwei Gelegenheiten im kleinen Kreis aus der Nähe erlebt (und habe Jüngels Urteil bestätigt gefunden).
** Also irgendwie auch durch mich, Schande auf mein Haupt!
Wenn er in seinem zweiten Kapitel, in dem es um die Versuchung Jesu durch den Teufel geht, eine Geschichte des Russen Solowjew erzählt (Seite 64), in welcher der Antichrist einen Ehrendoktortitel der Universität Tübingen bekommt, dann denkt man natürlich an die Zeit, die Benedikt als Professor Ratzinger in Tübingen verbracht hat. Er ist damals von den aufsässigen Studenten** verschreckt worden und dann 1969 von Tübingen aus nach Regensburg gegangen.
Seiner friedlichen und zunächst einmal alles positiv aufnehmenden Art entsprechend ist bei ihm die Erwähnung des Antichristen nicht der Anlaß für eine scharfe Abgrenzung gegen alles allzu Progressive und Aufgeklärte. Im Gegenteil, er benutzt die Geschichte Solowjews als eine Illustration für die Gefahr, in der jeder steht, der sich mit der Auslegung der Bibel beschäftigt.
Die Versuchung Jesu durch den Teufel in der Wüste legt Benedikt so aus, daß dadurch die Andersartigkeit Jesu gegenüber den gängigen Vorstellungen von einer messianischen Gestalt, damals wie heute, verdeutlicht wird. Ohne das Wort zu benutzen, rührt er an die Frage der Theodizee und räumt offen ein, wie verständlich es ist, daß die Menschen einen Brotkönig in Jesus erwarten, der den Hunger in der Welt stillt.
Am Ende stellt er die Frage, was Jesus der Welt im Sinne eines Vorteils "gebracht" hat. Und er antwortet schlicht: er hat uns Gott gebracht.
* Mich persönlich berührt, daß ich durch eine Reihe von glücklichen Zufällen die von Benedikt zitierten Tübinger Professoren bis auf Stuhlmacher alle in Tübingen gesehen und reden gehört habe. Ich habe 1969 und 1970 in Tübingen Betriebswirtschaft studiert und bin immer wieder einmal in die Vorlesungen der Theologen gegangen. Den Professor Hartmut Gese, laut seinem Kollegen Eberhard Jüngel der "klügste Mann an der Tübinger Universität ", habe ich sogar bei zwei Gelegenheiten im kleinen Kreis aus der Nähe erlebt (und habe Jüngels Urteil bestätigt gefunden).
** Also irgendwie auch durch mich, Schande auf mein Haupt!
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